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Arbeitsweise

Meine drei KI-Assistenten teilen sich ein Gedächtnis. Nicht das Gehirn.

24.08.2026 Helmut Rabenlehner 6 Minuten

Kurzantwort

Wer mehrere KI-Werkzeuge nutzt, erklärt sein Unternehmen jedem einzelnen von vorne. Die Lösung ist kein besseres Modell, sondern eine gemeinsame Kontextdatei, auf die alle zugreifen. Bei mir lesen ChatGPT, ein selbst gehosteter Assistent und Claude dieselbe Datei mit Positionierung, Kunden, technischem Stand und offenen Entscheidungen. Der Aufwand liegt bei einer Stunde. Der Effekt ist größer als jeder Modellwechsel.

Es gibt einen Moment, den jeder kennt, der mit mehreren KI-Werkzeugen arbeitet. Man öffnet ein neues Fenster, stellt eine Frage zum eigenen Betrieb und bekommt eine Antwort, die für irgendein Unternehmen richtig wäre. Nur nicht für das eigene. Also erklärt man. Die Branche, die Zielgruppe, warum man dieses eine nicht macht und jenes schon. Fünfzehn Minuten später ist das Gespräch brauchbar.

Am nächsten Tag, im nächsten Werkzeug, beginnt dasselbe von vorn.

Was passiert, wenn der Kontext fehlt

Ich habe an einem einzigen Arbeitstag drei falsche Analysen meiner eigenen Website bekommen. Nicht von einem schlechten System, sondern von einem guten, dem Informationen fehlten.

Der zu harte Befund

Eine Sichtbarkeitsbewertung von 42 von 100, gestützt auf alles, was von außen abrufbar ist. Unsichtbar blieben ein Wikidata-Eintrag, dreißig gepflegte Code-Snippets und zwei Unternehmensprofile. Nach Einsicht ins Backend stieg der Wert um fünfzehn Punkte.

Der gefährliche Rat

Die Empfehlung, ein Widget mit fehlerhaftem Markup zu löschen. Technisch korrekt. Darin steckte zusätzlich der halbe sichtbare Ergebnisblock meiner Startseite. Wäre der Rat ungeprüft befolgt worden, wäre ein Abschnitt verschwunden, an dem ich Wochen gearbeitet habe.

Die erfundene Sorge

Die Warnung, ein Kunde schrumpfe und die Marge breche weg. Tatsächlich war es der planmäßige Übergang von einem Projekt in die laufende Betreuung, mit einer Zahlung, die längst eingegangen war. Die Zahl stand nirgends, wo ein System sie hätte finden können.

Alle drei Korrekturen kamen aus derselben Quelle. Aus meinem Kopf. Und mit jedem neuen Fenster wäre dieselbe Korrektur wieder fällig gewesen.

Eine Datei, drei Systeme

Die Lösung ist unspektakulär, und genau das spricht für sie. Es ist eine Textdatei.

Bei mir liegt sie lokal und heißt AGENTS.md. Mein selbst gehosteter Assistent liest sie über einen Symlink im eigenen Verzeichnis, greift also auf dieselbe Datei zu statt auf eine Kopie. Was in der einen steht, weiß der andere sofort. Der Teil, der keine vertraulichen Daten enthält, liegt zusätzlich in den Konfigurationen der Anbieter, bei ChatGPT in den benutzerdefinierten Anweisungen, bei Claude in den Voreinstellungen des Arbeitsbereichs.

Drei Systeme, ein Stand. Kein Protokoll, keine Schnittstelle, keine Abomodelle. Eine Datei und ein Symlink.

Die Gehirne bleiben verschieden. Was sie teilen, ist das Gedächtnis. Und weil Gedächtnis das Einzige ist, was ihnen im Alltag wirklich fehlt, ist genau das der Teil, den man teilen sollte.

Man sagt gern, die Assistenten teilten sich ein Gehirn. Das stimmt nicht, und der Unterschied ist der interessante Teil. Jedes Modell denkt anders, hat andere Stärken, kommt bei derselben Frage auf andere Wege. Der praktische Nebeneffekt: Man kann die Werkzeuge nach Eignung wechseln, ohne bei null anzufangen. Der eine schreibt besser, der andere rechnet sauberer, der dritte läuft lokal und darf an vertrauliche Daten. Alle drei wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Der entscheidende Punkt ist die Trennung in zwei Ebenen. Was allgemein gilt, geht überall hin: Positionierung, Tonfall, Zielgruppe, wiederkehrende Regeln. Was vertraulich ist, bleibt lokal: Kundennamen, Beträge, Konditionen. Bei Anbietern hinterlegte Anweisungen wandern durch jede Sitzung. Kundendaten haben dort nichts verloren.

Was hineingehört, und was die meisten vergessen

Die üblichen Verdächtigen stehen schnell drin. Firma, Leistungen, Anrede, Sprache. Das ist die einfache Hälfte und bringt am wenigsten. Wertvoll wird das Dokument durch das, was ein Außenstehender nie herausfinden könnte.

  • Wie Kunden tatsächlich zu Ihnen kommen. Nicht die Vermutung, sondern der belegte Weg. Bei mir kommen rund neunzig Prozent der Anfragen nicht aus meiner Region, obwohl die halbe Website regional aufgebaut ist. Wer das nicht weiß, optimiert monatelang das Falsche.
  • Wonach Kunden auswählen. In meinem Fall nach Haltung, nicht nach Preis oder Nähe. Diese Information verändert jede Textempfehlung, die ein System jemals ausspricht.
  • Wie das Geschäft wirklich rechnet. Projekt plus Betreuung ist etwas anderes als reine Betreuung. Wer das nicht dazuschreibt, bekommt Kapazitätsrechnungen, die an der Realität vorbeigehen.
  • Der technische Stand mit Kennnummern. Welche Snippets welche Aufgabe haben, welche Profile existieren, was zuletzt geändert wurde. Das erspart bei jeder Analyse eine halbe Stunde Suchen.
  • Die offenen Entscheidungen. Was bewusst so bleibt, obwohl es falsch aussieht. Sonst schlägt Ihnen jedes System im Monatsrhythmus dieselbe Änderung vor, die Sie schon dreimal abgelehnt haben.

Der letzte Punkt ist der unterschätzte. Ein KI-Werkzeug ohne Gedächtnis ist nicht nur unwissend, es ist penetrant. Es findet jedes Mal denselben angeblichen Fehler und empfiehlt jedes Mal dieselbe Korrektur. Eine Zeile im Kontextdokument beendet das dauerhaft.

Was das Dokument nicht kann

Es hält sich nicht selbst aktuell. Was heute stimmt, ist in drei Monaten überholt, und niemand erinnert Sie daran. Ich habe mir deshalb einen wiederkehrenden Termin gesetzt, an dem die Datei mitgepflegt wird. Ohne diesen Termin wäre sie in einem halben Jahr ein Museum.

Es ersetzt auch keinen Zugriff auf echte Daten. Was in Ihrer Analytics-Installation oder Ihrem Backend steht, gehört nicht abgeschrieben, sondern nachgeschlagen. Das Dokument ist für Wissen, das nirgends sonst existiert, nicht für Zahlen, die sich täglich ändern.

Und es macht kein Modell schlauer. Es verhindert nur, dass ein kluges Modell aus falschen Voraussetzungen konsequent die falschen Schlüsse zieht. Warum das mehr wert ist als der Sprung zur nächsten Version, habe ich an anderer Stelle beschrieben: das neueste KI-Modell ist nicht automatisch das beste.

In eigener Sache

Ich richte solche Kontextdokumente nicht als Dienstleistung ein. Das schaffen Sie an einem Vormittag selbst, und Sie sollten es auch, weil beim Schreiben auffällt, was Sie über Ihren eigenen Betrieb nie festgehalten haben. Was ich anbiete, ist die Frage davor: wie KI-Systeme Ihr Unternehmen derzeit einordnen und wo sie es falsch tun. Garantien gibt es keine. Wer Ihnen eine Nennung in KI-Antworten zusichert, verkauft Ihnen etwas.

Fazit

Die Debatte darüber, welches Modell das beste sei, führt an der Praxis vorbei. Zwischen zwei Modellen liegen ein paar Prozentpunkte in Benchmarks. Zwischen einem System mit Kontext und einem ohne liegen fünfzehn Punkte auf einer Bewertungsskala und ein beinahe gelöschter Startseitenabschnitt.

Der Aufwand für diesen Unterschied beträgt eine Stunde und eine Textdatei.

Häufige Fragen

Wie umfangreich sollte so ein Kontextdokument sein?

Ein bis zwei Seiten reichen. Alles, was länger ist, liest niemand mit, weder Mensch noch Maschine. Faustregel: Wenn eine Information in einem Gespräch mit einem KI-Werkzeug schon zweimal nötig war, gehört sie hinein. Alles andere nicht.

Kann ich dieselbe Datei bei ChatGPT und Claude verwenden?

Ja, für den allgemeinen Teil. Beide Anbieter erlauben dauerhaft hinterlegte Anweisungen, bei ChatGPT als benutzerdefinierte Anweisungen, bei Claude über die Voreinstellungen. Vertrauliche Inhalte wie Kundennamen oder Konditionen gehören dort nicht hinein, sondern nur in die lokale Fassung.

Was ist der Unterschied zu einem MCP?

Ein MCP verbindet ein KI-Werkzeug mit einem laufenden System und dessen aktuellem Zustand, etwa einer WordPress-Installation. Das Kontextdokument enthält Wissen, das in keinem System steht: warum Kunden kaufen, welche Entscheidungen bewusst so getroffen wurden, was gerade offen ist. Beides ergänzt sich, ersetzt einander aber nicht.

Wie oft muss ich das Dokument aktualisieren?

Anlassbezogen, wenn sich etwas Grundsätzliches ändert, und zusätzlich in einem festen Rhythmus. Ohne Termin verwahrlost die Datei zuverlässig. Ein Quartal ist ein brauchbarer Abstand, bei schnellen Veränderungen kürzer.