Es gibt eine Kennzahl, die in der deutschen SEO-Welt fast schon religiösen Status hat: den Sichtbarkeitsindex. Sistrix hat ihn populär gemacht, und inzwischen schauen Unternehmer, Agenturen und Marketing-Abteilungen wie auf einen Aktienkurs darauf. Steigt er, ist alles gut. Fällt er, bricht Panik aus.
Ich sage nicht, dass der Sichtbarkeitsindex schlecht ist. Er ist ein gutes Werkzeug. Aber er misst genau eine Sache: wie sichtbar du in den organischen Google-Ergebnissen bist. Nicht mehr und nicht weniger.
Und genau da liegt das Problem.
Was der Sichtbarkeitsindex misst
Der Sistrix Sichtbarkeitsindex trackt ein festes Set an Keywords und schaut, wo deine Website in den Google-Suchergebnissen rankt. Je höher die Position und je größer das Suchvolumen des Keywords, desto mehr Punkte bekommst du. Fertig.
Das ist sinnvoll, wenn Google dein einziger Kanal ist. Aber ist es das noch?
Immer mehr Menschen suchen nicht mehr über Google. Sie fragen ChatGPT. Sie nutzen Perplexity. Sie bekommen Antworten direkt in Google AI Overview, ohne jemals auf ein Suchergebnis zu klicken. Und keine dieser Interaktionen taucht in deinem Sichtbarkeitsindex auf.
Gute Google-Rankings, trotzdem unsichtbar
Ich habe in den letzten Monaten dutzende österreichische KMU-Websites analysiert. Was mir dabei aufgefallen ist:
- Unternehmen mit solidem Sichtbarkeitsindex (SI > 1), die in keiner einzigen ChatGPT-Antwort vorkommen.
- Websites mit perfekten Core Web Vitals und guten Rankings, die kein Schema-Markup haben – also für KI-Systeme unstrukturierter Textbrei sind.
- Lokale Betriebe, die bei Google Maps top ranken, aber nicht bei Bing indexiert sind – und damit für ChatGPT (das Bing als Suchgrundlage nutzt) praktisch nicht existieren.
Der Sichtbarkeitsindex hat bei all diesen Unternehmen grünes Licht gezeigt. Alles in Ordnung. Aber die Realität sieht anders aus.
Ein steigender Sichtbarkeitsindex ist beruhigend. Aber er ist wie ein Fieberthermometer, das nur die linke Körperhälfte misst. Du bekommst ein Signal – aber nicht das ganze Bild.
Warum KI-Systeme andere Signale brauchen
Google rankt Websites nach Hunderten von Faktoren: Backlinks, Content-Qualität, Ladezeit, Domain Authority. KI-Systeme wie ChatGPT funktionieren fundamental anders.
Sie suchen nicht nach der „besten Seite für ein Keyword". Sie suchen nach der besten Antwort auf eine Frage. Und dafür brauchen sie:
- Strukturierte Daten – Schema-Markup, das ihnen sagt, was dein Unternehmen macht, wo es ist, was es anbietet.
- Bing-Indexierung – ChatGPT nutzt Bing als primäre Suchquelle. Wer dort nicht indexiert ist, wird nicht gefunden.
- Zitierbaren Content – Klare, faktische Aussagen, die ein KI-System extrahieren und als Antwort verwenden kann.
- Autorität und Vertrauen – Konsistente Informationen über mehrere Quellen hinweg (Website, Google Business, Branchenverzeichnisse).
Keiner dieser Faktoren wird vom Sichtbarkeitsindex erfasst. Kein einziger.
Der Vergleich: Sichtbarkeitsindex vs. KI-Sichtbarkeit
| Aspekt | Sichtbarkeitsindex | KI-Sichtbarkeit |
|---|---|---|
| Google Rankings | ✓ Ja | ✗ Irrelevant |
| ChatGPT-Empfehlungen | ✗ Nein | ✓ Ja |
| Bing-Indexierung | ✗ Nein | ✓ Entscheidend |
| Schema-Markup | ✗ Nein | ✓ Ja |
| Google AI Overview | ✗ Nein | ✓ Ja |
| Perplexity / Copilot | ✗ Nein | ✓ Ja |
| Content-Zitierfähigkeit | ✗ Nein | ✓ Ja |
Das heißt nicht, dass du den Sichtbarkeitsindex ignorieren sollst. Aber er darf nicht deine einzige Kennzahl sein.
Was du stattdessen messen solltest
Wenn du ein ehrliches Bild deiner Online-Sichtbarkeit haben willst, brauchst du mindestens diese zusätzlichen Checks:
- Bing Webmaster Tools – Ist deine Seite bei Bing indexiert? Wie rankt sie dort? Das ist die Grundlage für ChatGPT-Sichtbarkeit.
- Manueller ChatGPT-Test – Frag ChatGPT nach deiner Branche und Region. Wirst du empfohlen? Wenn nein, hast du ein Problem, das kein SI-Wert zeigt.
- Schema-Markup-Check – Hast du
LocalBusiness,FAQPage,ServiceoderProductMarkup implementiert? Tools wie der Google Rich Results Test zeigen es dir. - Google AI Overview Monitoring – Taucht deine Website in den KI-generierten Antworten bei Google auf? Das wird noch kein Tool automatisch tracken, aber manuelle Stichproben lohnen sich.
- Perplexity-Test – Frag Perplexity nach deinem Angebot. Perplexity zeigt Quellen transparent an – du siehst sofort, ob du zitiert wirst.
Erstelle dir eine einfache Checkliste mit 5–10 Fragen, die deine Kunden typischerweise stellen. Teste sie einmal im Monat in ChatGPT, Perplexity und Google. Dokumentiere, ob und wie du vorkommst. Das dauert 30 Minuten und gibt dir mehr Insight als jeder automatisierte Report.
Mein Fazit: Der Sichtbarkeitsindex ist nicht tot
Ich will hier keinen Abgesang schreiben. Der Sichtbarkeitsindex ist und bleibt ein nützliches Werkzeug, um deine Google-Performance zu tracken. Das Problem ist nicht das Tool – das Problem ist, wenn du es als einzige Wahrheit behandelst.
Die Suchlandschaft verändert sich gerade fundamental. Google ist nicht mehr der einzige Ort, an dem Menschen Antworten finden. Und wenn deine Sichtbarkeitsstrategie nur eine einzige Plattform abdeckt, hast du einen blinden Fleck, der mit jedem Monat größer wird.
Für österreichische KMU, die mit begrenztem Budget arbeiten, ist das besonders relevant: Du kannst es dir nicht leisten, in einem Kanal sichtbar zu sein und in allen anderen unsichtbar. Die gute Nachricht: Die Grundlagen für KI-Sichtbarkeit – Bing-Indexierung, Schema-Markup, zitierbarer Content – sind weder teuer noch komplex. Aber du musst anfangen, sie zu messen.
Weiterführend: Wie du konkret prüfst, ob dein Unternehmen in KI-Systemen vorkommt, erkläre ich Schritt für Schritt in meinem Artikel KI-Sichtbarkeit prüfen: So findest du heraus, ob ChatGPT dich kennt. Und wenn du verstehen willst, was AEO überhaupt ist und warum es sich von SEO unterscheidet: Was ist AEO?
